Der Fall Molau…

„Das ist eine Katastrophe für unser Image“
Michael Kropp, Geschäftsführer der Waldorfschule.Braunschweig [1]

„(…)Wir werden die Freie Waldorfschule Braunschweig zum Symbol für die jetzt sofort beginnende „Reconquista„ – die Rückeroberung unserer Heimat – machen. (…) Der verantwortliche Geschäftsführer des Schulvereins, Michael Kropp, wohnhaft in ******, ist ein Kinderverderber. Wir dürfen es nicht dulden, daß er und seine Spießgesellen weiterhin die Köpfe und Herzen unserer Kinder mit den Lügen der feindlichen Propaganda vergiften. Überlegt gründlich, was wir tun können! Laßt eurer Phantasie freien Lauf! Es genügt nicht, Briefe zu schreiben(…)“
Horst Mahler [2]

„Nein, ich meine diese Tatsache, dass die Juden uns immer am Gängelband führen, dass wir immer erpresst werden von denen“
Andreas Molau [3]

Nazis als Lehrer? Nix neues denkt sich die gebildete Antifaschistin und der gebildete Antifaschist. So steht ein anderer Fall, der des ehemaligen NPD Vorsitzenden Günter Deckert, exemplarisch für den generellen Umgang mit Nazis an Schulen in Deutschland. Dieser konnte trotz Mitgliedschaften in der NSDAP Nachfolgepartei NPD und in anderen Naziorganisationen wie beispielsweise dem “Komitee für die Wiedereinführung der Todesstrafe” erst 1988 aus dem Schuldienst entlassen werden. Vorher stehen 20 Jahre Schuldienst als Lehrer für Englisch und Französisch am Tulla-Gymnasium in Mannheim, danach am Hasenleiser Gymnasium in Heidelberg und dem Carl-Benz-Gymnasium in Ladenburg zugute [4].
Das es über zwanzig Jahre nicht gelang einen bekennenden Nationalsozialisten zu entlassen, ist exemplarisches Beispiel für eine Politik, die KommunistInnen den Zugang zum Schuldienst aufgrund obskurer Beispiele [5] entlassen wurden, während Nazis für die BRD nie das Problem darstellten [6].
Das nun die Waldorfschulen ähnliches hervorbringen mag die Kenner diese Ideologie nicht verwundern.
Verglichen mit dem Aufschrei den es im bundesdeutschen Blätterwald gab, war die Reaktion der KrtikerInnen doch eher ein erfreutes: “Haben wir es nicht schon immer gesagt” [7]
Das liegt uns fern. Natürlich ist es ungeheuerlich, dass Nazis – im Land der Täter – unterrichten können. Aber überraschen tut es uns nicht. Schauen wir uns den Fall Molau und seine spätere Karriere doch etwas genauer an.
Acht Jahre lang konnte Andreas Molau an der Waldorfschule in Braunschweig unterrichten. Mitte Oktober 2004, direkt nach dem spektakulären Wahlerfolg der NPD bei den sächsischen Landtagswahlen, bittet er um seine Beurlaubung. Der Grund macht diese Beurlaubung letztendlich zum Politikum. Denn der Herr Molau möchte keine Babypause oder will einfach mal ausspannen, nein: “Lieber wolle er für die Deutsche Stimme schreiben und die NPD-Landtagsfraktion in Dresden in schulpolitischen Fragen beraten. Er sehe keinen Widerspruch zwischen seiner Lehrertätigkeit und seiner politischen Einstellung, sagte Molau.” [8] Bereits vorher war Molau in braunen Kreisen zugange gewesen: Seine Staatsexamensarbeit [9] schrieb er zu dem Titel “Alfred Rosenberg – Der Ideologe des Nationalsozialismus.” Nach dem Abitur nahm er 1988 das Germanistik- und Geschichtsstudium an der Universität Göttingen auf und wurde 1989 Mitglied der bündischen Korporation “Deutsche Hochschulgilde Trutzburg-Jena zu Göttingen”, dort übernahm er das Referat für Erziehung und Bildung. Später schreibt er dann für die “Junge Freiheit” [10] einem Publikationsorgan der so genannten “Neuen Rechten”. Später verlässt er das Blatt nach einem redaktionellen Konflikt, bei der Molau, eine Annäherung an die nationalsozialistische Strömung des Faschismus einforderte. Weiter schrieb er journalistische Beiträge für die rechten Blätter “Criticon” und “Nation und Europa”.


Andreas Molau

Interessant erscheint vor allem die Aussage Molaus, dass er keinen Widerspruch zwischen seiner Tätigkeit als Waldorflehrer und seinen “privaten” Auffassungen erkennen könne. Schließlich ist dieser Mensch Geschichtslehrer, muss also “eigentlich” bestimmte historische Fakten (wie beispielsweise den Holocaust) unterrichten, die seinem Weltbild fundamental entgegensteht. Wie kommt dieser Mensch zu solch einer Aussage?
Zunächst einmal bleibt festzuhalten, dass Molau an der Waldorfschule, in seiner Funktion als Klassenlehrer, lediglich an Weisungen Steiners (etwa über die Aufteilung der Epochen und Unterrichtsinhalte) , der Konferenz (die die Lehren Steiners wiedergibt [11]) und den Stil (wenn er denn erfolgreich die Steinerschen Ideen rezepierte) seines Vorgängers, gebunden. Diese – zutiefst irrationalistischen – Ideen, müssen denen eines Faschisten nicht entgegenstehen, ganz im Gegenteil: Sie können das Weltbild eines Faschisten ergänzen, in dem sie eine andere, weitergehende Grundlage, für die “Vorherrschaft der weißen Rasse” schaffen. Diese Vorherrschaft findet seine theoretische Ergänzung nun in der Steinerschen Rassentheorie, die “die Weißen”, allen anderen “Rassen” überlegen erklärt. Des weiteren ist es, aufgrund der Steinerschen Rezeption möglich, dass Lehrer mit solch einem Weltbild an der Waldorfschule unterrichten. Es gibt schließlich verschiedene Faktoren (Geschichtsunterricht, Ausländeranteil an Waldorfschulen [12], Kontrolle der Lehrinhalte und nicht zu vergessenen die offenen esoterischen Anteile im Unterricht [13]), die es einem Nazi “leichter” machen als an einer staatlichen Erziehungsanstalt.
Nun mag der – zu Beginn dieses Abschnitts erwähnte – ehemalige NPD Vorsitzende Deckert – Beispiel des Umgangs an staatlichen Erziehungsanstalten sein, seine Ergänzung hat ersterer durch seinen “Kameraden” an der Waldorfschule erfahren. Das nun Nazis, wie der später noch erwähnte Horst Mahler, die Waldorfschule nun zu einem Kampfplatz erklären mag nicht verwundern. Zum einen finden sie – in den Texten Steiners – genügend Ansatzpunkte um diese, in einer später zu errichtenden Diktatur, in ihre Lehre zu übernehmen, zum anderen bietet die Waldorfschule “an sich” genügend “positive Eigenarten”, die das völkische Weltbild von Blut und Boden ergänzen können. Wer einmal das Vergnügen hatte, den Gartenbauunterricht einer Dritten Klasse einer Waldorfschule zu erleben und sein Herz daran zu erfreuen, wie die Kleinen ein Pferd simulierend, einen Pflug zu bedienen um die Scholle zu beackern, mag verstehen, warum die Nazis solch eine Faszination empfinden.

1) taz Nord Nr. 7500 vom 29.10.2004, Seite 22
2) Originaltext von Mahler in der Rundmail seines Verteilers, dokumentiert auf: http://germany.indymedia.org/2004/11/99586.shtml, die Adresse des Geschäftsführers der Freien Waldorfschule war im Original mit angeben, hier ist diese nicht notwendig und wurde entfernt.
3) “NPD – Bieder, brav und brandgefährlich”, Franziska Reich Mitarbeit: Dieter Krause, stern-Artikel aus Heft 05/2005
4) http://www.idgr.de/texte/rechtsextremismus/aktivisten/deckert/deckert-1.php
5) “(…) Nach Schätzungen von Experten sind in der Zeit von 1950 bis 1968 staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren gegen 150.000 bis 200.000 vermeintliche oder tatsächliche Kommunisten eröffnet worden (…)”Quelle Rolf Gössner: Die Vergessenen Justizopfer des Kalten Krieges, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1998, Seite 154 ff
6) Hans Filbinger zum Beispiel trat 1978 als Ministerpräsident von Baden-Württemberg zurück, weil er als Marinerichter in der Nazi-Zeit noch nach Kriegsende Deserteure zum Tode verurteilt haben soll.
7) Sogar ein Waldorf-Lehrer ist dabei, Andreas Speit, Freitag 49/05
8) taz Nord Nr. 7500 vom 29.10.2004, Seite 22, ebd.
9) ebd.
10)“(…) Die Themen, die dabei behandelt werden sind: “Nation”, “Ethnie” und “Ausländer”. Gerade hier wird die antidemokratische Zielsetzung des Publikationsorgans erkennbar, werden doch immer wieder diesem Personenkreis die grundrechtlich garantierten Menschenrechte streitig gemacht. Deshalb wird die Wochenzeitung regelmäßig von den Verfassungsschutzbehörden ausgewertet und in ihren Berichten erwähnt (…)
Berichtet der Informationsdienst gegen Rechtsextremismus über die Junge Freiheit.
11) Die typische Konferenzsituation schildert der folgende Erlebnisbericht: „(…) Ich war als Praktikant ein Jahr Teilnehmer der wöchentlichen Konferenzen. Neben technischen Details (Wer kümmert sich um was), die wohl an jeder Schule mit geringem Budget auftauchen, wurden Texte diverser Autoren gelesen. Wenn Steiner schreibt das die Dinge so aussehen, gab es verschiedenste Bemühungen, anhand realer Beispiele (also zum Beispiel SchülerInnen) die Beweisführung der Steinerschen Thesen anzutreten. (…) Das beklemmende an dieser Situation war nicht das Steiner gelesen wurde, sondern das ernsthafte Bemühen die Ideen Steiners auf die Realität anzuwenden (…).“
Quelle: Archiv Autorenkollektiv
12) Die offiziellen Zahlen schweigen sich an dieser Stelle aus. Wir können daher nur aus unseren Erfahrungen berichten. An unserer Waldorfschule (mit ca. 400 Schülerinnen und Schülern) gab es vielleicht fünf bis zehn “Ausländer”. Mit den Anteilen an staatlichen Gesamtschulen ist dies natürlich nicht zu vergleichen.


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