Der Überläufer

Es war einmal… und es ist noch nicht so lange her. Da war die Person, mit der wir uns in diesem Artikel befassen wollen, noch gegen die Konzerne, die er heute – im anthroposophischen Sinne – berät. Die Rede ist von Christoph Strawe – Anthroposophischer Unternehmensberater und “Dreigliederer” [1].


Christoph Strawe

Rückblick
Früher war Strawe Vorsitzender des Marxistischen Studentenbundes (MSB) – Spartakus, einer Organisation, die der Deutschen Kommunistischen Partei [2] nahe stand und (für damalige Verhältnisse) einiges zur Demokratisierung der Verhältnisse an den Universitäten beigetragen hat.
Trotz dem äußerte sich Strawe schon damals in suspekter Weise. Selbst für einen orthodoxen Kommunisten. So kritisierte er 1977 in den “Roten Blättern” (dem Organ des MSB), anlässlich der Flucht des SS-Mörders Kappler, Nazis als “Todfeinde der Nation” und forderte den Nazismus als “antinationale hochverräterische Kraft” zu brandmarken [3]. Das Strawe schon damals nicht in der Lage scheint, den Nazismus als die konsequenteste Ausformung deutscher Ideologie zu erkennen, sondern einen (künstlichen) Widerspruch zwischen der Ideologie des Nationalsozialismus und allen anderen Ideen, die sich in irgendeiner Form auf ein spezifisches “deutsches” Projekt berufen, “erfindet”, mag schon damals mehr als bedenklich gewesen sein. Anlässlich des weiteren Werdegangs Strawes sind seine damaligen Äußerungen aber nicht weiter verwunderlich.
Denn nachdem Strawe einige Zeit für sozialistische Ideen gewirkt hatte, wandte er sich den Ideen Rudolph Steiners zu. Aber nicht mit den “Werkzeugen”, die MarxistInnen anwenden, wenn sie sich mit solch einem Gedankengut befassen. Ganz im Gegenteil. Strawe wendet das Gedankengut der Anthroprosophie gegen den Marxismus an.

Antikommunismus
Von seiner linken Vergangenheit distanziert sich Strawe beispielsweise in einem Interview mit der Tageszeitung junge Welt:

“(…) Mein Problem mit der Linken ist, das eben von der Linken – und wir sind ja auch mitschuldig – manches ausgegangen ist, was eigentlich im Widerspruch steht zu einer emanzipatorischen Politik (…)”.

Auch der Umgang mit Menschen, die zu ihrer Identität stehen, also Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei sind, scheint Strawe Schwierigkeiten zu bereiten:

“(…) Es gibt den einen oder anderen, der ist noch in der DKP, da würde ich sagen, es ist schwierig mit politischen Gemeinsamkeiten (…)” [4]

Spannender als seine Abgrenzungsversuche, sind Strawes Arbeiten zur Marxismus und Anthroprosophie, die eine unglaubliche Anbiederung an die Ideen Steiners darstellen, der zum Humanisten und Menschenfreund stilisiert wird.

Rassenlehre
Strawe gelingt es, den Inhalt der Rassenlehre Steiners zu verkleistern, in dem er der “Volksseelenkunde” eine wissenschaftliche Herangehensweise unterstellt. Jedes “Volk” hat demnach

(…) eine besondere Mission im Rahmen der Weltkultur (…). Die Volksseele ist für Steiner kein mystisch-nebulöses Ungebilde, sondern eine in bestimmter Weise aufzufassende Anlage im Denken und Empfinden der Menschen, die besonders in der Sprache zum Ausdruck kommt. Die Mission einzelner Völker liegt in der Ausgestaltung ganz bestimmter seelischer Eigenschaften [5] .”

Diese, nur mühsam versteckten Rassenlehre, wird in Strawes Vokabular, zum Beweis für Steiners “Anti-Nationalismus“. Dies ist eine These, die angesichts Strawes eigener Zitate einfach nicht zu halten ist.
So benötigt Strawe, dann das Konstrukt einer “Volksseele“. Der geneigten Leserin und dem geneigten Leser mag die Existenz einer “Volksseele” etwas unrealistisch erscheinen, zumal jeder Mensch ja aus einem drittklassigen Soziologiebuch wissen kann, das Völker in diesem Sinne ja gar nicht existieren. Von “Volkseelen” weiß das ein Soziologiebuch zwar nicht zu berichten, aber solche Konstrukte haben in wissenschaftlichen Auseinandersetzungen eben auch nichts zu suchen, von daher waren wir über die schlichte Nichtexistenz dieses Begriffes nicht erstaunt. Anders ausgedrückt. Strawe überholt die bürgerliche Soziologie von rechts.
Strawe ficht so etwas nicht an, ganz im Gegenteil:

“(…)so wirken für ihn (Steiner) auch in das Volkstum geistige Wesenheiten inspirierend hinein, wodurch die Geschichte der Nationalkulturen sich als ein Aspekt der geistigen Führung der Menschheit darstellt.(…)” [6]

“Globalisierung”
Heute mischt Strawe in Teilen der selbsternannten Antiglobalisierungsbewegung mit. Nicht mit denen, die mit offensiven Aktionsformen die “unverantwortlichen Institutionen” unter Druck setzen. Sondern mit denen, die eine vorgebliche Kapitalismuskritik aus anderem Richtungen propagieren, aber eine Politik betreiben die den Kapitalismus allerhöchstens reformieren will.
Bündnispartner sind für Strawe dann folgerichtig auch keine “Ultralinken” Organisationen [7] sondern Menschen wie Peter Hase, ebenfalls ehemaliger Vorsitzende des MSB und langjähriges Mitglied im “Bundesfachausschuss Entwicklungspolitik” der CDU[8].
Des weiteren fordert Strawe

eine Zusammenarbeit zwischen Menschen, die Verantwortungsträger in den bestehenden mächtigen Institutionen sind und die Notwendigkeit der Wende begreifen, mit den zivilgesellschaftlichen Akteuren[9].”

Seine “Kritik” an den bestehenden Verhältnissen beruht also nur darauf, dass die Akteure des Konstrukt “Zivilgesellschaft” nicht von den Verantwortlichen der Institutionen gehört werden. Das zur heutigen Rolle Strawes im reformistischen Flügel der Antiglobalisierungsbewegung.

Ausbeutung
Die Frage der Existenz der Ausbeutung wird von Strawe, in Anlehnung an seinen Lehrmeister, nicht negiert. Die Schlussfolgerungen sind das Katastrophale an Strawes Arbeiten:

“(…) Nicht die Verfügung unternehmerischer Intelligenz über die Produktion ist schädlich, im Gegenteil, sie nur führt dazu, daß Unternehmensgeist nicht erlahmt. Das Kapital dient diesem Unternehmensgeist. Seine Früchte dürfen nicht der privaten Aneignung unterliegen, vielmehr ist eine Art Kreislaufeigentum nötig, bei dem Kapitalien jeweils an die Fähigsten als Treuhänder der Gesellschaft übertragen werden. Daneben gibt es eine Art ideelles Miteigentum aller Mitarbeiter, das unter anderem dazu führt, daß Betriebe nicht einfach verkauft und zu Spekulationsobjekten gemacht werden können (…) [10]

Das ist in dieser Form nichts neues. Auch die Nazis erlaubten sich, für ihre Form des “Antikapitalismus”, zwischen zirkulierendem, “schaffendem”, “deutschem” Unternehmertum und spekulierendem, “raffenden jüdischen” Kapital zu unterscheiden.

Deutschland
Nun ist Strawe kein Nationalsozialist. Diesen sieht er durchaus kritisch. Nicht wegen des Holocausts oder “nur” wegen des faschistischen Terrors, sondern weil Deutschland seine “Mitlerrolle” zwischen Ost und West, durch den Angriffskrieg auf die Sowjetunion, nicht wahrnehmen konnte:

“(…) Der Fall in die faschistische Barbarei gar kann so betrachtet nur als der völlige Verrat der Deutschen an ihrer eigenen Menschheitsaufgabe (…)” gesehen werden. “Das russische Volk, das seine gewaltige welthistorische Rolle Steiner zufolge erst noch in der Zukunft zu spielen hat, entbehrt bis heute der gegenseitig befruchtenden kulturellen Berührung mit einem blühenden mitteleuropäischen Geistesleben (…)” [11]

Fazit
Trotz dieser Distanzierung, die in der Form, dem Nationalsozialismus den Vorwurf macht, er hätte die Deutschen von ihrer “wahren” Mission abgehalten, ist Strawes Theorie zutiefst irrationalistisch. Das diese Theorien Anknüpfungspunkt für faschistische Theorie sein können hat Peter Bierl veranschaulicht:

“(…) Was dem einen die Tobin-Steuer, ist dem anderen das Schwundgeld. In der Hymne auf überschaubare Verhältnisse und kulturelle Identität, auf Subsistenz und Regionalgeld paaren sich Unverständnis und Mief. Das Dorf, die Region, die Heimat versus große weite Welt und transnationale Konzerne. Nicht von ungefähr erinnert das an die deutsch-völkischen Lebensreformer, die Ende des 19. Jahrhunderts einen Gegensatz zwischen heimischer Scholle/bravem Landmann und der dekadenten, wurzellosen Stadt sowie dem kosmopolitischen Juden konstruierten. (…)” [12]

Das zwischen Personen wie Strawe und einer radikalen Kritik der Verhältnisse Welten liegen sollte klar sein. Seine Theorien werden dadurch nicht ungefährlicher. Wer mit einer Rassentheorie, mit der Unterscheidung zwischen zirkulierendem und spekulierendem Unternehmertum und einem expliziten Antikommunismus auftritt, muss sich nicht wundern, wenn er in die “Ökofaschistische” Ecke gestellt wird.
Verwundern muß allerdings der Umgang der Antiglobalisierer von Attac mit solchen TheoretikerInnen. So kann Strawe seine Theorien auf Sozialforen (z.B. in Porto Allegre) vorstellen, ohne das es bisher zu einer nennenswerten Kritik an diesen Akteuren der Anthroposophie gekommen ist.


1] Beschreibung des Menon Verlages: http://menon.hardenberginstitut.de/” Geschäftsführer des Instituts für soziale Gegenwartsfragen, Stuttgart, Redakteur der Zeitschrift Sozialimpulse. Zeitschriften- und Buchveröffentlichungen (Marxismus und Anthroposophie u. a.)”.
2] Der MSB hat sich Ende der 80er Jahre aufgelöst. Die Seiten der DKP gibt’s hier zu bestaunen.
3] Vergleiche Konkret 06/2005, S.19]. Peter Bierl, Völkisches Empfinden
4] Interview der Tageszeitung junge Welt, “MSB: Haben Sie auch alles gut verarbeitet?”, von Pascal Beucker, 04.06.1996.
5] Christoph Strawe: Marxismus und Anthroposophie, siehe auch Steiner, GA 185a, S. 21f.
6] ebd.
7] Deren Beteiligung an Weltsozialforen als bedauernswerte Randerscheinung beschrieben wird:

“(…)Dass ultralinke Gruppierungen parallel zur Eröffnung eine eigene Demonstration gegen das “reformistische Weltsozialforum” durchführen konnten, ohne dass sich jemand darüber aufregte, passt zum Gesamteindruck.”(….)

Quelle: “Eine andere Welt ist möglich” – Weltsozialforum in Porto Alegre / Brasilien – Impressionen und Reflexionen, Christoph Drawe http://weltsozialforum.org/2002/2002.news/news.2002.37/
8] ebd.
9] ebd.
10] Christoph Strawe, Der Umbruch in der Sowjetunion – Mitteleuropäische Perspektiven: Rolle und Aufgaben des Marxismus – Seine verschiedenen Ausprägungen und sein Verhältnis zur Anthroposophie, , Dornach 1988 http://www.sozialimpulse.de/Texte_html/Marxismus_und_Anthroposophie/Marxismus_und_Anthroposophie_Anhang.htm
11] ebd.
12} Vergleiche Konkret 06/2005, S.19]. Peter Bierl, Völkisches Empfinden


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