„Kultische Dimensionen“.

„Das Goetheanum – Wochenschrift für Anthroposophie“ ist das Organ der „Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft“. In dieser Zeitschrift erscheinen anthroposophische Texte zur Pädagogik, aber auch zu kulturellen und politischen Themen. „Das Goetheanum“ wird – anders als andere anthroposophische Zeitschriften – nicht in Buch- oder Zeitschriftenläden verkauft, sondern kann lediglich abonniert werden. Die EmpfängerInnen des „Goetheanums“ sind vor allem Mitglieder der „Anthroposophischen Gesellschaft“. Diese Organisation umschließt alle Bereiche anthroposophischen „Wirkens“: „Biologisch-Dynamische Landwirtschaft“, Waldorfschulen oder „Heilpädagogische Einrichtungen“ wirken für die Öffentlichkeit oft unabhängig, doch in Wahrheit sind sie alle mehr oder weniger mit der „Anthroposophischen Gesellschaft“ verbunden.
In der ersten Dezemberausgabe der Zeitschrift finden interessierte LeserInnen nun einen Artikel, der sich mit den „kultischen Dimensionen“ verschiedener „Rituale“ auseinandersetzt. Insbesondere der „Morgenspruch“ scheint es dem Autor Thomas Stöckli angetan zu haben. Der Morgenspruch [1] wird jeden Morgen von allen WaldorfschülerInnen gesprochen. Es gibt eine Version für die erste bis vierte Klasse; sowie einen für die weitere Schulzeit. Zurück gehen diese auf Rudolf Steiner, der diese Sprüche „bereits zehn Tage nach dem Schulbeginn der ersten Waldorfschule in Stuttgart 1919“ erfand. Seitdem wird „dieses Morgenritual in allen Ländern in denen es Waldorfschulen gibt, kontinuierlich praktiziert“.
Mensch sieht also, dass die armen WaldorfschülerInnen, Tag für Tag dazu gezwungen werden einen „Spruch“ zu sprechen, in dem ein „Gottesgeist“ existent ist, der über allem steht und an den sich „bittend“ gewandt werden müsse um „Kraft und Segen“ zu erlangen. Durch diese Indoktrination werden die SchülerInnen dazu gebracht, an die Existenz einer höheren Wesenheit zu glauben; und das obwohl diese Existenz in keiner Weise einer wissenschaftlichen Herangehensweise entspricht. Soweit so schlecht.
WaldorfschülerInnen sprechen diesen „Spruch“ circa 4000 Mal in ihrer Schulzeit. 4000 Mal eine höhere Wesenheit anzubeten, dass ist ein Inhalt anthroposophischer Erziehung. Denn dieser liegt eine Sicht auf die Welt zu Grunde, bei der „der moderne Mensch“ auf „Dauer nicht weiterexistieren kann, wenn er nicht eine Beziehung zur geistigen Welt begründet“.


Das Goetheanum

Thomas Stöckli entdeckt folgerichtig auch nicht die irrationalen und unwissenschaftlichen Inhalte des Morgenspruches, sondern beklagt, dass viele WaldorfschülerInnen, dem „Morgenspruch“ mit einer „passiven Haltung“ gegenüberstehen. „Heute“ seien Jugendliche „kritischer und wacher geworden“, während „früher noch dieser Spruch einfach so hingenommen wurde.“ Diese Entwicklung ordnet der Autor Thomas Stöckli in seinem Artikel durchaus negativ ein, Daher bringt er einige Beispiele wie WaldorfschülerInnen „über die künstlerische Form“ der „Morgenspruch als Kunstwerk“, als „genial komponierten Spruch“ nahe gebracht werden kann.
Allerdings gelten diese Beispiele für Thomas Stöckli nur für OberstufenschülerInnen. Sein reaktionäres Weltbild wird völlig offenbar, wenn es um die Erziehung jüngerer Menschen geht. Kinder – so fabuliert der Autor – „brauchen haltgebende Rituale, die sie nicht durch kritisches Nachdenken zerstören sollten“.
Mensch sollte sich dies noch einmal verinnerlichen: Für Thomas Stöckli, nicht nur Autor des Artikels, sondern auch Waldorflehrer, scheint die Aufgabe der LehrerInnen nicht darin zu bestehen, kritisch denkende Wesen zu erziehen, die in der Lage sind sich ihr eigenes Urteil zu bilden. Sondern den Kindern ganz im Gegenteil die Möglichkeit kritischen Denkens zu verweigern.
Das Produkt solch einer „Erziehung“ passt perfekt in die kapitalistische Gesellschaftsformation. Diese benötigt unkritische Menschen, die auch die schlimmste Schikane über sich ergehen lassen und die herrschende Zustände nicht hinterfragen. Wenn Machwerke wie der „Morgenspruch“ zu einem Ritual werden, die „nicht durch kritisches Nachdenken“ zerstört werden sollten, können auch andere „Rituale“ Normalität werden. So gehört es beispielsweise zum „Ritual“ vieler Deutscher, der täglichen Klatschpresse zu glauben oder die Parteien zu wählen, die Papa und Mama eben auch wählen.
Mit einer demokratischen und emanzipatorischen Erziehung hat dies alles nichts zu tun. Ganz im Gegenteil: Die Waldorfschulen produzieren unkritische und vor allem unpolitische Menschen, die sich den herrschenden Verhältnissen unterwerfen. Mit Menschen, denen ein politisches Bewusstsein 12 lange Jahre verweigert wurde, ist selten emanzipatorische Politik zu machen.

Morgenspruch für die Klassen 5-13 der „Freien Waldorfschulen“
„Ich schaue in die Welt,
In der die Sonne leuchtet,
In der die Sterne funkeln;
In der die Steine lagern,
Die Pflanzen lebend wachsen,
Die Tiere fühlend leben,
In der der Mensch beseelt
Dem Geiste Wohnung gibt;
Ich schaue in die Seele,
Die mir im Innern lebet.
Der Gottesgeist, er webt
Im Sonn’- und Seelenlicht,
Im Weltenraum, da draußen,
In Seelentiefen, drinnen.-
Zu Dir, o Gottesgeist,
Will ich bittend mich wenden,
Dass Kraft und Segen mir
Zum Lernen und zur Arbeit
In meinem Innern wachse.“

Rudolf Steiner 1919


1 Antwort auf “„Kultische Dimensionen“.”


  1. 1 Matt 19. März 2007 um 10:44 Uhr

    Als Schüler des im Text genannten Thomas Stöckli ist mir dessen Meinung betreffend des Morgenspruchs allzu vertraut. Mehrmals bin ich auch schon in Genuss gekommen, als er ganze Deutsch-Stunden (!) dazu verwendete, um den angeblich hohen dichterischen Wert des Morgenspruchs zu analysieren. Dass es sich beim Morgenspruch (siehe oben) um einen bedauernswerten lyrischen Versuch einer Person handelt, bei der jegliches Metrum-Gefühl fehlt, lässt er nicht gelten.
    Stöcklis Meinung – nicht nur zum Morgenspruch – kommt im Allgemeinen Fundamentalismus gleich. Er isoliert sich gegen jegliche Kritik, indem er Gegner als unwissend und geistig unreif darstellt (abgesehen hat er das dabei insbesondere auf die Aktion Kinder des Holocaust www.adkh.ch). Geradezu lächerlich ist auch, dass Stöckli während seiner Unterrichtsstunden andauernd Seitenhiebe an esoterische und religiöse Gruppierungen/Sekten verteilt, die sich von der Anthroposophie keineswegs unterscheiden. Dabei kommen Waldorfschulen absolut Koranschulen gleich: In beiden Institutionen werden Kinder gezwungen, Glaubensbekenntnisse abzulegen, die sie entweder nicht verstehen (können) oder hinter denen sie nicht stehen… mit finanzieller Unterstützung des Staats.

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