Andere Zeiten – andere Sitten.

…oder die bundesdeutsche Geschichtsschreibung und warum sie den AntroposophInnen nutzt.

Als kritische BetrachterInnen der bundesdeutschen Anthroszene verfolgen wir natürlich auch die Medien, die immer mal wieder über die Waldorfschulen und andere Institutionen berichtet. So berichten die regionalen Zeitungen regelmäßig über Veranstaltungen der organisierten Anthroposophie, wie zum Beispiel den Martinsmarkt. Kritische Auseinandersetzungen gibt es selten. Daher dient die Reaktion auf einen Bericht in der Sendung „Report“ als Beispiel, warum Kritik von den AnthroposophInnen negiert werden kann. Den Nachweis, das die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Deutschland, dass ideale Klima für solch‘ Negationen bietet, versucht der folgende Artikel, zu belegen.

Wie man eine Rassenlehre verteidigt…
Der Reihe nach: Am 28.02.2000 strahlte die ARD, in ihrem Magazin „Report aus München“ eine kurze Dokumentation über die Waldorfpädagogik und deren Begründer Rudolf Steiner aus. Bereits im Vorfeld hatten zum Beispiel der Bund der Freien Waldorfschulen mittels juristischer Drohungen die Ausstrahlung zu verhindern gesucht. Im Nachinhein drohten dem Magazin – das ansonsten für seine Hofberichterstattung aus München (erst für Strauss und dann für Stoiber) bekannt ist – dann noch einige weitere Klagen. Die Anthroposophen unterlagen allerdings in sämtlichen Instanzen. So klagte der „Bund der Freien Waldorfschulen“ unter anderen gegen den Südwestdeutschen Rundfunk (SWR): Am 5.4.2000 lehnte Landgericht Stuttgart das Begehren auf Gegendarstellung in allen Punkten ab. Bereits am 22.3.2000 entschied das Landgericht Frankfurt, dass Aussagen in denen die Feststellung getroffen wurde, dass „Rassismus und Antisemitismus (…) zu der Pädagogik der Waldorfschule“ gehören, keiner Gegendarstellung bedürfen, da in dem Bericht keine „falschen Tatsachen“ über die Waldorfschulen verbreitet würden [4]. In der Sendung hieß es unter anderem:

„Geschichtshefte der fünften Klasse aus verschiedenen Waldorfschulen. alle aus den letzten Jahren. Hier finden wir eine Entwicklungslehre der Menschen, die im Geschichtsunterricht staatlicher Schulen unbekannt ist. Die Arier, so heißt es dort, verliessen den untergehenden Kontinent Atlantis, um zahlreiche Hochkulturen zu begründen.Begriffe wie „Arier“, „Opferfeuer“ oder „Arierwanderungen“ tauchen auf – unkommentiert. Für den Betrachter von aussen wird hier lediglich ein wenig bekannter Mythos vermittelt.“

Interessanter als der Bericht – der nur noch mal die bis dato bekannten Fakten zusammenfaßte- ist allerdings die Reaktion, die es auf verschiendenen Ebenen, von Sprechern der Anthroposophie bis zu Schülerinnen und Schülern, gegeben hat. Dies führt nämlich zu zwei einfachen Erklärungsmustern, die angewandt werden können, um das anthroprosophische Weltbild einer Kritik zu entziehen. Erstens das die rassistischen Äußerungen Steiners damals „normal“ gewesen seien und zweitens, dass diese Teile der Steinerschen Theorien in der Pädagogik ja nicht angewandt werden würde.
Des weiteren muss festgestellt werden, dass Steiner selbst den antiwissenschaftlichen Charakter seiner Theorien bestätigt:

„(….)Was hier angestrebt wird, ist, das in der Seele am Naturwissen Entfaltete sich so weiter entwickeln zu lassen, wie es sich seiner eigenen Wesenheit nach entwickeln kann, und dann darauf aufmerksam zu machen, daß bei solcher Entwickelung die Seele auf übersinnliche Tatsachen stößt. (…)“.

„Übersinnlichen Tatsachen“, die nicht mit den normalen Werkzeugen eines Wissenschaftlers erfassbar sind, sind die Grundlage der Steinerschen Theorien, die es möglich machen, dass viele AnthroposophInnen eine erstaunliche Aufklärungsresistenz entwickeln können. Jedwede Kritik kann mit dem Hinweis negiert werden, dass die Kritik die Anthroposophie gar nicht erfassen könne, solange sie den realen Gehalt der „übersinnlichen“ Theorien Steiners nicht annerkenne.
Des weiteren wurde behauptet, dass Steiner, wenn er beispielsweise von Ariern sprach, dass gar nicht so gemeint habe:

„Bei der Bennung der Völker griff Frau XYZ auf die (…) Bezeichnung „Aryas“ zurück. Sie erwähnte das sie dieses Wort gebraucht habe und das dieses Wort in diesem Zusammenhang auch richtig sei, nur sei es heute so negativ belegt (…) dass ein normaler Gebrauch in diesem Zusammenhang nicht möglich sei“

heißt es beispielsweise in einer Schülerzeitung der Freien Waldorfschule Oldenburg, in der über eine Veranstaltung berichtet wird und die Vorwürfe relativiert wurden. Das der Nationalsozialismus dafür gesorgt hat, das LehrerInnen nicht einmal mehr von Ariern sprechen können, ist ein besonders perfider Erklärungsansatz. Er negiert, dass Rassismen, egal in welcher Form sie auch auftreten, immer abzulehnen sind. Zu einer realen Auseinandersetzung ist es – aufgrund der Erklärungsansätze der Anthroposophie – also nie gekommen.


Schülerzeitung einer Waldorfschule

…und warum die Vergangenheitsbewältigung dabei so nützlich ist.
Dies war nicht nötig, denn im Land der Richter und Henker, in der beispielsweise Kasernen vorzugsweise nach Nazigenerälen benannt wurden und noch heute so heißen [5], droht keine Gefahr, nur weil es ein paar rassistische Zitate und eine Rassenlehre gab. Gerade in Deutschland, mit seiner spezifischen Strukturen, hat sich ein Großteil der Bevölkerung nie mit den Verbrechen im Namen einer Rassentheorie beschäftigt und daher auch keine Kritik an rassistischen Strukturen und Theorien im allgemeinen entwickelt.
Wir leben in einer Gesellschaft die sogar soweit geht, die Geschichte des Nationalsozialismus Stück für Stück umzuschreiben und Personen, die beispielsweise als PropagandistInnen des Nationalsozialismus agierten, immer weiter zu rehabilitieren. So erlebte beispielsweise das Werk, der lange Zeit als „persona non grata“ behandelten Hitler Regisseurin Leni Riefenstahl, anläßlich ihres hundersten Geburtstag eine Renesaince durch die bundesdeutschen Medien und den Kulturbetrieb. So erdreistete sich ein Autor in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ einen Nazifilm Riefenstahls namens „Triumpf des Willens“, abzufeiern:

„(…)Wie unglaublich gut sie trotz allem ist! Manche behaupten, daß „Triumph des Willens“, das schwärzeste Meisterwerk der Filmgeschichte, ihr bei weitem bester Film … langweilig sei – falsch, man muß nur das Gehirn ausschalten, man muß einfach alles vergessen, was man über das Dritte Reich weiß, dann haut es einen um, dann bläst es einen weg, noch heute. Dann ist man, noch heute, zwei Stunden lang ein Nazi(…)“ [6]

In solch einem Klima erscheinen die von den KritikerInnen zitierten Äußerungen Steiners vergleichsweise „normal“. In einer Gesellschaft, in der alte Nazis rehabilitiert werden, muß man sich nicht wundern, das die AnthroposophInnen an einer rassistischen Rassenlehren festhalten können, ohne das es zu einer realen Kritik durch die Medien kommt. Denn in diesen werden fleißig Geschichtsverdrehungen produziert und in die Köpfe der Menschen gebracht: So erklärt beispielsweise die BILD-Zeitung, anläßlich des „Skandals“ um die „SS-Vergangenheit“ des Schriftstellers Günter Grass, diese zu einer Organsation, die vornehmlich gegen „den Kommunismus“ kämpfte. Als wäre die SS keine verbrecherische Organisation, deren Mitglieder, am gesellschaftlich durchgeführten Mord an Millionen Menschen beteiligt war. In solch einem Klima ist es in der Tat normal, dass Rudolf Steiners Ideologie, deren irrationaler Gehalt sich leicht nachweisen läßt zum guten Ton eines sich alternativ-gebenden Teils der Gesellschaft gehört:

Esoterische Ideologien.
Karma und Reinkarnation, zwei Grundpfeiler anthroposophischer „Lebenserkenntnis“ sind nicht nur bei den AnhängerInnen Steiners verbreitet, sondern solch idealistische Weltbilder haben auch andere Teile der Menschen in Deutschland erfasst Beispielsweise beschäftigen sich ein Fünftel der Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt mit esoterischen Themen [8]. Im Fernsehen sehen wir „Wunderheiler“ und „Hellseher“. Die Talkshow „Vera“ war unter anderem dafür bekannt, verzweifelte Menschen in „Kontakt“ mit Verstorbenen treten zu lassen. In Sendeformaten wie „Frauentausch“ oder „The Swan“ werden Rollenbilder formiert und Menschenbilder geformt. Jugendzeitschriften wie beispielsweise die „Bravo“ glänzen mit einem obligatorischen „Horoskop“, in denen der Zielgruppe vermittelt werden soll, worauf es wirklich ankommt: Liebe, Karriere und Freunde.
In solch einem Klima, dessen Irrationalismus, eigentlich offensichtlich ist, ist es schwierig, den irrationalistischen Gehalt der Waldorfschulen und der dahinterstehenden Ideologie einer Kritik zu unterziehen.
Die wenigen einzelnen Beispiele wirklich kritischen Journalismus, bei der immer mal wieder sporadisch über die Anthroposophie berichtet wird, sind Lichtblicke in einem Meer von Textwüsten, Fernsehbildern und Lobeshymnen, denen eines Gemein ist: Sie trotzen von Ignoranz. So sind die Artikel in der Taz-Bremen, zum Aufbau einer neuen Waldorfschule in Bremen, eine Aneinandereihung von Platitüden, die die Finanzierung und bautechnischen Aspekte beschreiben, aber die Aufgabe einer kritischen Herrangehensweise außer Acht läßt. Des weiteren gibt es Reportagen, die sich mit Interesse den Waldorfeigenen Unterrichtsfächern widmen, wie zum Beispiel der Eurythmie. Die aber die dahinterstehende Ideologie, so gut wie gar nicht beleuchten.
Ein weiterer Tiefpunkt ist der Auftritt des Anthroposophen Prochnow in der eingestellten Sendung „Wissen“ im ZDF gewesen, bei dem dieser durch sein „Fachwissen“ über die Anthroposphie glänzte. Kritische Fragen? Fehlanzeige!

Aufgabe der KritikerInnen.
Aufgabe einer kritischen Gegenöffentlichkeit muß es sein, den irrationalen Gehalt der Anthroposophie aufzuzeigen. Das ist aber nicht genug. Nur wenn es gelingt die Anthroposophe in den allgemeinen Hype esoterischer Themen innerhalb der bundesdeutschen Medien, sowie den unkritischen Umgang mit rassistischer Ideologien sowie der deutschen Vergangenheit, einzubinden, wird ihr Erfolg verständlich werden.
Die Kritik an diesen Tendenzen darf sich eben nicht an einzelnen Beispielen „abarbeiten“, sondern kann den Erfolg der Anthroposophie nur verständlich machen, wenn sie diese in den allgemeinen Kontext bundesdeutscher Entwicklung einbezieht.
Diese Aufgabe werden die wenigen „kritischen“ Beispiele, wie die zu Anfang erwähnte „Report“ – Sendung aus München, natürlich nicht vollbringen können. Denn diese sind zu sehr in den bundesdeutschen Medienapparat eingebunden. Sie sind Teil des falschen Ganzen. Daher ist es um so wichtiger, dass „die“ radikale Linke den Versuch unternimmt, irrationalistische Theorie – egal in welcher Form sie auftritt – einer Kritik zu unterziehen, damit die Möglichkeit der Überwindung derselbigen – zu mindest einen Spaltbreit – offensichtlich wird.

1] Ausgestrahlt am 28.02.2000 in der ARD
3] „Diktum – Das FWS Magazin“, Schülerzeitung an der Freien Waldorfschule Oldenburg, April 2000, Artikel „Das Forum“, Autor: Sebastian Westphal
4] http://www.akdh.ch/ps/ps_report.html#Bund
5] Steiner GA 13, Geheimwissenschaften im Umriss, zu finden ist dieser Text hier: http://www.anthroposophie.net/steiner/ga/bib_steiner_ga_013.htm
6] Diese Kasernen sind immernoch nach Militärs benannt, die beim Angriffs- und Vernichtungskrieg mit dabei waren: General-Hüttner-Kaserne in Hof, Schulz-Kaserne in Munster, Hülsmann-Kaserne in Iserlohn, Lilienthal-Kaserne in Delmenhorst, General-Konrad-Kaserne in Bad Reichenhall, Röttiger-Kaserne in Hamburg, Peter-Bamm-Kaserne in Munster, Briesen-Kaserne in Flensburg, General-Fahnert-Kaserne in Karlsruhe, General-Henke-Kaserne in Neuwied, General-von-Seidel-Kaserne in Trier, Mölders-Kasernen in Visselhövede und Braunschweig, Schreiber-Kaserne in Immendingen, Medem-Kaserne in Holzminden, General-Heusinger-Kaserne in Hammelburg
7] Zitiert nach „1.000 Jahre Riefenstahl, Und Deutschland gratuliert. Ein Sittengemälde“, KONKRET 10/02, Gert Ockert
8] Marxistische Blätter, 06/2004, „Schüsse ins Gehirn – Moderner Irrationalismus und die Verteidigung der Vernunft“, S. 22.


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