Mit „tempo“ in die Vergangenheit.

Die anthroposophische Zeitung „a tempo“ interviewt in ihrer Ausgabe vom Januar 2007 den Waldorflehrer Peter Singer zu Erziehung von Jungen und Mädchen. Ein Bericht über die Rollenbilder, denen Jungen und Mädchen an Waldorfschulen, unterliegen.


Anthroposophisches Lifestyle-Magazin: „a tempo“

Über „das Lebensmagazin“.
Die Zeitung „a tempo“ ist ein gemeinsames Projekt des Verlags „Freies Geistesleben“ mit dem „Urachhaus“ Verlag. Eine weitere Kooperation besteht mit dem „dm-drogerie“ Markt. Alle Unternehmen orientieren sich an den Ideen des Begründers der Anthroposophie Rudolf Steiner und publizieren dementsprechende Produkte.
Die Zeitschrift [1] liegt nach Angaben der Herausgeber an mehr als 2000 Orten gratis aus. Mensch findet sie beim anthroposophischen Arzt, im Naturkostladen und in anthroposophisch orientierten Buchhandlungen.
Die Zeitung „a tempo“ erscheint im Hochglanz-Format und spricht auch Menschen an, die sich nicht zur Anthroposophie bekennen. So werden beispielsweise auch Aktivisten der „Linkspartei“ interviewt. Die Zeitung wirkt wie ein Lifestyle Magazin der Anthroposophie: Statt harter Anthroposophischer Themen, wie zum Beispiel „Wesensglieder“, „Mysteriendramen“ und „Inkarnation“ [2] , finden sich eher weichere Themen wie „Magnesium und seine Wirkungen“, „Venus und Merkur“ oder „die Kinderseite“. In diesen wird jedoch ebenso anthroposophische Ideologie verbreitet wie in den anderen Zeitschriften. Nur auf eine perfidere Weise: Die anthroposophische Ideologie erscheint hier verklausulierter. Dies nimmt ihr allerdings nicht den reaktionären Inhalt.

Rollenbilder und Klischees.
Ein Beispiel ist das erwähnte Interview des Magazins mit dem Waldorflehrers Peter Singer, dem die Frage gestellt wird, ob „Jungen eine andere Erziehung als Mädchen“ brauchen. Vorab konstatiert das Blatt allerdings, dass „viele Jungen ohne klare Vaterfigur“ aufwachsen würden um daraufhin die Frage zu formulieren, wie das „fehlende ‚männliche Erziehungselement’ kompensiert werden“ könne. Die Fragestellung macht deutlich, dass die Herausgeber des „Lebensmagazins“ davon auszugehen scheinen, dass „Jungen“ ein „männliches Erziehungselement“ brauchen, um „echte Tugenden des Mannes“ auszubilden. „Mädchen“, behauptet „a tempo“ zu mindest, „scheinen es sowohl im Unterricht als auch in ihrem sozialen Umfeld leichter zu haben“.


Selbstbeschreibung Singers im Magazin „a tempo

Die Rollenbilder und Klischees, die im Interview formuliert werden, sind altbekannt. Es ist das konservative Rollenbild vom „braven Mädchen“ und „wildem Jungen“, in das Kinder gepresst werden, nur weil sie einem bestimmten Geschlecht angehören.
Aus der „Perspektive eines Klassenlehrers“ berichtet Peter Singer von seinen Erziehungsvorstellungen. In diesen werden „Jungen“ und „Mädchen“ in ein Rollenbild gezwängt, dass keinem Menschen gerecht werden kann.

Die Jungen: „Impulsiv“ und „Derbe“.
„Jungen“ wird grundsätzlich unterstellt „impulsiv“ zu sein und das „Draufgängertum“ zu lieben. Dies würde ihrem „ureigenstem Wesen“ entsprechen. Dem „Naturell der Jungen“ würde es entsprechen, „die Extreme“ zu „lieben“ und zu „klettern, stürzen, sich verletzen“. Auch würden diese „alles ausprobieren“. Für die „Jungen“ sollte daher in „jedem Unterricht immer auch irgendetwas Deftiges, vielleicht sogar Derbes (…)“ dabei sein. Das sei für sie „das Salz in der Suppe“. Auf seinen Klassenfahrten würden die „Jungen richtig gut zum Zuge kommen, wenn es heißt, Holz zu sammeln, mit Beil und Säge umzugehen, Feuer zu machen“ und – nicht zu vergessen – „die Jurte“ aufzustellen. Außerdem könne jeder Schüler seine „Zähigkeit“ beweisen, beispielsweise wenn er „bei Dauerregen ein Sumpfgebiet durchqueren“ müsste. Des Weiteren beruft sich Singer auf „die alten Rittertugenden“, die „für die Jungen von großer Bedeutung seien“. Ohne diese, behauptet Singer, können die „männlichen Willensimpulse“ nicht richtig gelenkt werden.


Perfide Fragestellung

Die „Mädchen“: „Scheu“ und „Abwartend“.
Mädchen spielen, wenn die Jungen bereits die „ritterlichen Tugenden“ in Anspruch nehmen dürfen, nur eine untergeordnete Rolle. In den Waldorfschulen würden sie durch „musikalische, bildnerischer und handwerklicher Künste“ in „eine ätherische Hülle“ gebettet, in dem sie sich „recht wohl“ fühlen würden. Da der Unterricht von „weiblichen Lehrkräften“ mit „viel Liebe und Harmoniebedürfnis“ gestaltet würde, hätten die Mädchen nicht solche Probleme. Im Unterricht würden sie sich „eher abwartend“ verhalten und hätten eine „anfängliche Scheu“, die für Singer zum Mädchen gehört, wie der Strand ans Meer. Singer würde bei Gewaltmärschen die „Zähigkeit der Mädchen“ überraschen, „die – durchnässt und schwer beladen – klaglos weitermarschieren“. Die „Mädchen“ würden in „gefahrvollen Situationen (…) den Jungen in nichts“ nachstehen. Allerdings sind die „alten Rittertugenden“ für die Mädchen von keiner großen Bedeutung.

Die pädagogische Praxis: „Anstrengend Arbeiten“ und „kämpferisches Spiel“.
In der pädagogischen Praxis scheint Singer seine Herangehensweise an „Mädchen“ und „Jungen“ soweit verinnerlicht zu haben, dass er seinen Schützlingen „Ur-Instinkte“ unterstellt.
Die Mädchen hätten bei „Fahrten“ eher „lebenserhaltende Maßnahmen im Sinn“: Also „von sich aus“ mit der „Essenzubereitung“ beginnen und „das Lager“ einzurichten. Die Jungen würden „die Gegend erkunden“ und „gewissermaßen auf die Jagd“ gehen. „Möglichst anstrengende Arbeiten, die dem Allgemeinwohl dienen“ seien für die Jungen an dieser Stelle das Richtige. Denn, so Singer: „Das strafft und stellt zufrieden!“.
Außerdem sollten Jungen sich ruhig mal schlagen: „Im kämpferischen Spiel“ würden die „Grenzen ausgelotet“ und „das Gefühl für den eigenen Körper und die eigenen Seele geschult.“
„Arbeit“ und „Prügel“: Instrumente einer vorsintflutlichen Erziehung werden so rehabilitiert und als ein Normalzustand verankert. Was an ein Lager einer nationalsozialistischen Jugendorganisation erinnert, scheint zur Praxis im Unterricht des Waldorflehrers zu gehören.

Und Schuld sind: Computerspiele.
Da die meisten Jungen in ihrer Kindheit „keine Gelegenheit zur Kultivierung durch Arbeit“ geboten werden würde, würden sich „regelrechte Gewaltrituale“ ergeben, die zum Beispiel „in der Welt der Computerspiele“ ausgelebt werden würden. Angriffe auf MitschülerInnen seien allerdings nichts anderes als „der verzweifelte Versuch sich körperlich zu behaupten“. Massaker oder Gewalttaten an Schülerinnen, begangen durch Schüler, werden durch solch eine verkürzte Weltsicht dadurch erklärbar, dass es zum einen brutale Computerspiele gäbe und zum anderen den Tätern keine Gelegenheit zu harter Arbeit gegeben worden wäre.
Ein Weltbild, das Kindern mit harter Arbeit droht, Rollenbilder produziert und Prügeleien unter Schülern als ein angemessenes Erziehungsinstrument ansieht, hat nichts mit einer fortschrittlichen Erziehung zu tun.
Doch Peter Singer steht nicht alleine: Die Anthroposophinnen scheinen durch einen Kongress solch reaktionäre Ideologie weiter in den Köpfen verankern zu wollen.

Ein Kongress zum Thema.
Vom 12. bis 17. Januar veranstalten anthroposophische Kreise einen Kongress zum Thema. Unter der Fragestellung „Brauchen Jungen eine andere Erziehung als Mädchen?“ wird auch Peter Singer seine reaktionären Ideen verbreiten wollen. Doch Anthroposophie ist teuer. Nur wer Eintrittskarten (75 €) erwirbt, hat das Recht am Kongress teilzunehmen. Daher werden die AnthroposophInnen wohl unter sich sein und Peter Singers Erklärungen lauschen.


Anthroposophischer Kongress


1] a tempo, 1 / 2007, „Brauchen Jungen eine andere Erziehung als Mädchen?“, Peter Singer im Gespräch mit Andreas Neider, Seite 6 ff.
2] Das Goetheanum, 12 / 2006.


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