Verantwortete Entfremdung

Franz Pollmann ist Mitglied der anthroposophischen „Christengemeinschaft“ und ein Mensch der eine rege Vortragstätigkeit entwickelt hat. Neben Themen wie „Wasser – die Welt im Tropfen“, gehört die im „Urachaus“ Verlag erschienende Broschüre „Entfremdung und Verantwortung“ (Mit dem sinnigen Untertittel „Zu Theorie der Arbeit bei Karl Marx“) zu seinem Lebenswerk.
Der Text ist ein Beispiel der antikomunistischen Ausrichtung der Anthroposophie. Er zeigt auf,wie AnthroposophInnen linke Ideen behandeln können.
Dem Autor geht es nicht nur um Karl Marx, sondern unter anderem um ein „Schwimmbassin“ in Kassel, in der ein Spruch „gegen die Arbeit (…) mit einer Sprühdose (…) hineingespritzt“ wurde. Des weiteren präsentiert er einen Spruch aus der Sponti – Bewegung der 70′er Jahre, doch an „den Strand von Tunix (mit x)“ zu segeln. Diese beiden Geschehnisse, sind für ihn Beispiele einer „gefühlten Entfremdung“, die sich durch eine „Undurchschaubarkeit“ des „ganzen Apparates“ auszeichnet und damit ist auch die Grundlage für die gesamte Rede gelegt. Linke Ideologie zeichnet sich für den „Pfarrer“ nämlich aus deren „Blindheit“ für das „Schöpferische“ aus.


Karl Marx

Eine kleine Gruselstory.
Die Grundlagen für seine Gruselstory über die „Ideen“ Karl Marx, findet Pollmann in dessen Biographie, sowie in zeitgenössischen Schilderungen einiger „Freunde“. Da wird beispielsweise ein Mensch zitiert, der in Marx die Erscheinung eines „demokratischen Diktators“ sah. Das klingt abschreckend und ist ein Beispiel für die Intention des Autors, Karl Marx über dessen Lebenstil zu denunzieren. Daher weist der Pfarrer auch darauf hin, dass Karl Marx „zuweilen“ nicht „aus dem Haus gehen konnte, weil seine Kleider sich im Pfandhaus befanden“ und das er „ausgewiesen“ wurde. Armut und Exil sind für den Autor die zwei hervorstechensten Eigenschaften des Philospophen Karl Marx. Das ist ärgerlich, denn einen Marx so zu reduzieren, wird ihm ganz sicher nicht gerecht.
Nach dieser Beschreibung stößt mensch auf eine seitenlange Interpretation marxistischer Theorien. Diese stellen zu allererst eine höchst eigenwillige Erweiterung der Theorien des Philosophen dar. Dafür scheint sich sich der Autor nicht die Mühe gemacht zu haben Zitate herrauszusuchen, zum Beispiel um seine Rezeption zu belegen. Für den Laien ist dies aber nicht ersichtlich. Pollmann hat offensichtlich aus Sekundärwerken über Karl Marx abgeschrieben, sich aber nicht die Mühe gemacht den Philosophen im Original zu lesen.

Vulgärmarxismus.
Für die Kennerin oder den Kenner marxistischer Literatur ist ersichtlich, dass der Autor nur mit Begrifflichkeiten jongliert um eine vulgärmarxistische Darstellung der Theorien Karl Marx zu beschreiben. Da ist beispielsweise von den „Arbeitern“ die Rede, die „irgendwann einmal den Sprung in die klassenlose Gesellschaft wagen“ werden. Das es ganz so einfach nicht ist, hatte schon Karl Marx erkannt, der eine etwas ausgeklügertere Form der möglichen Gesellschaftsveränderung präsentierte, die der Autor aber nur am Rande streift. Mit den Ideen Marx wird sich eh nur ein wenig beschäftigt (S. 7 – 12) und das dann auch noch falsch.
Da ist beispielsweise von „Produktivkräften“ die Rede, die immer mehr Menschen „ausstoße“ und daher zur „Revolution“ führe müsse, was Marx in dieser Form ganz sicher nicht gesagt hat. Schließlich war für diesen die Existenz einer industriellen Reservearmee eine Notwendigkeit kapitalistischer Ökonomie. Zur Revolution führt nach Marx nicht die ständige Revolutionierung der Produktivkräfte, diese ist lediglich eine Bedingung und stellt eine Konstante der menschlichen Entwicklung dar. Der antigonistische Widerspruch zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern, der sich nicht innerhalb der jetzigen Eigentumsverhältnisse lösen lasse, bedinge die qualikative Veränderung, sagte Marx .
Diese Kleinigkeiten seien an dieser Stelle nur am Rande erwähnt, um das Niveau der Aussagen des „Pfarrers“ Pollmann aufzuzeigen.

„Göttliche (…) Gedankenblindheit“
Kurz nach der Pollmanschen Marx-Interpretation folgt eine seitenlangen Hegelrezeption (S. 13 – 18). Das Fazit seiner „Gedankenausformungen“ ist nämlich das Marx „Gedankenblind“ war. „Denken“ ist für Pollmann nämlich „Zwiesprache mit dem Göttlichen“ (S. 17) und Karl Marx war eben nicht in der Lage dies zu erkennen. Dieses idealistische Konstrukt eines Denkens, das losgelöst von der Materie existiert wird noch weiter ausgebaut, in dem die Behauptung aufgestellt wird, dass das „Denken“ die „Realität schafft“. Pollmann spricht gar von einem „realitätsbildenden Prozess“. Dieses wirklichkeitsfremde Denken hätte Karl Marx ganz sicher als „idealistische“ Konstruktion kritisiert, die nicht in der Lage ist, die Hintergründe der Bewußtseinsprägung durch die äußeren Umstände zu erkennen, sondern ganz im Gegenteil das Bewusstsein für die Bildung der Realität verantwortlich macht. Das Bewusstsein ist aber geprägt durch Umstände, denen wir ausgesetzt sind. Marx knüpft Bewusstseinsprägung an die gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen, denen ein jeder Mensch eben ausgesetzt ist. Das Denken ist Marx für ein kein künstlicher Prozess, der vom Leben des Einzelnen abstrairt werden kann.

So wie es ist. Bleibt es.
Pollmann ficht das nicht an. Nachdem er seine Theorien vorgestellt hat, fordert er natürlich ein, dass zum Leben ein „Denken“ gehört, dass den Umständen Tribut zollt und sich in den gesellschaftlichen Bedingungen einrichtet. Die „Arbeits- und Lebensbedingungen, so wie sie heute in Mitteleuropa“ existent sind, sind für Pollmann nämlich natürliche Entwicklungen, die mensch nicht in Frage stellen sollte. Der Mensch kann also nichts gegen schlechte Arbeitsbedingungen unternehmen. Eine Aussage die das Management verschiedener Firmen freuen dürfte.
Denn mit dieser Theorie ausgestattet erscheinen Dinge wie gewerkschaftliche Organisierung und der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen sinnlos; und daher hört mensch bis heute noch nie was von streikenden WaldorflehrerInnen oder revoluzzenden Pfarrern der „Christengemeinschaft“.
Diese IrrationalistInnen glauben nämlich – Pollmann spricht am Ende seiner Rede begeistert davon – an „Ideale, die durch den Tod hindurch gehen“ (S. 26) müssen und der mensch seine „Treue“ beweisen müssen. Irrational wird auf die „Begegnung mit dem Christuswesen“ verwiesen, aus der ein „Impuls“ werde.
Ja so sehen sie sich gerne: Als ideologische Wegbereiter einer Menschheit, die eine wissenschaftliche Herrangehensweise außer Acht läßt und in einer esoterischen Weltsicht endet. In einer Sicht auf die Welt, in der das das „Denken“ in „göttliche“ Zusammenhänge gebracht wird und die Dinge so wie sie sind nicht in Frage gestellt, sondern mit „positivem“ Denken verändert werden sollen.


Lebensbedingungen nicht hinterfragen.

Herrschaftskonforme Anthroposophie.
Pollmanns Rede ist ein Beispiel der Auseinandersetzung mit linker Ideologie. Andere Beispiele lassen sich finden. So hat der ehemalige Vorsitzende der StudentInnenorganisation „Marxistischer Studentenbund – Spartakus“ Christoph Strawe einige Texte dazu verfasst oder in einer anderen Broschüre, wird den Linken eine „schwarzmagische Aura“ angedichtet.
Diese schlimmen Theorien innerhalb der Anthroposophie sind aber dafür verantwortlich, dass dort Bewusstseinstände herrschen, die in eine Haltung mündet, in der linke Theorie und Praxis abgelehnt wird. Das ist vielleicht auch ein Erklärung, warum die Institutionen der Anthroposophie in dieser Gesellschaft so gut gedeihen: Sie sind Herrschaftskonform. Und selbige gedeihen gut und diesen Zeiten.

Alle Zitate nach:
Franz Pollmann: „Enfremdung oder Verantwortung – zur Theorie der Arbeit bei Karl Marx“.1985, „Urachaus Johannes M. Meyer GmbH, Stuttgart.


1 Antwort auf “Verantwortete Entfremdung”


  1. 1 Waldorfschülerin 08. Januar 2007 um 15:08 Uhr

    Wenn man keine Ahnung hat… Einfach mal Fresse halten!!!!!!

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.

Empfehlungen