Vom „Feldzug“ gegen Rudolf Steiner.

Immer mal wieder beschäftigen sich auch AnthroposophInnen mit ihren „Gegnern“. Insbesondere der oft geäußerte Vorwurf, der Begründer der Anthroposphie, Rudolf Steiner, sei Rassist gewesen und hätte eine rassistische Lehre vertreten, in der er bestimmten „Völkern“ in verschiedener Weise katigorisiert hätte, wird von den Anhängern dieser Lehre vehement zurück gewiesen. Sie sehen die Anthroposophie als Opfer eines „Feldzugs gegen Rudolf Steiner“.

Da die Anthroposophen zumeist nicht auf ihre KritikerInnen eingehen, dient ein älteres Sonderheft der „Flensburger Hefte“ an dieser Stelle als Beispiel dafür, dass in den Theorien der AnthroposophInnen nationalistisches Gedankengut und die Vergötterung einer Person vorhanden ist.
Die „Flensburger Hefte“ sind ein anthroposophisches Magazin das betont undogmatisch erscheint. Das Heft trägt sinnigerweise den schon erwähnten Namen „Feldzug gegen Rudolf Steiner“ [1] und behandelt einige Fragen die sich mit Rudolf Steiners Historie auseinandersetzt, läßt aber auch AnthroposophInnen oder dieser Ideologie unkritisch gegenüberstehende Menschen zu Wort kommen. Anlaß für das Sonderheft (das das Außmaß eines dickeren Taschenbuches besitzt) waren die Bücher von Guido und Michael Grandt, die sich kritisch mit der Anthroposophie und deren Institutionen beschäftigten [2].

Von „fanatischen Gegner“…
In den „Flensburger Heften “ wird den Buchautoren Raum gegeben ihre Sichtweise der Anthroposophie darzustellen.Während den Brüdern in anderen Medien-Publikationen der Anthroposophie kein Raum gegeben wurde, drucken die „Flensburger Hefte“ erstmal ein Interview mit ihnen ab, was diese wie eine Publikation wirken läßt, in der sogar GegnerInnen der Anthroposophie beachtet werden.


Notwendige Abwehr von Angriffen?

Doch bereits im Vorwort sehen sich die Herrausgeber der Hefte „fanatischen Gegnern“ ausgesetzt, „die auch vor Verleumdungen nicht zurückschreckten“ um „Steiner (…) in irgendeinen konstruirten Schmutz [3]“ zu ziehen.
In anderen Beiträgen wird in einem Ton, der eigentlich Militäs zueigen ist, die „Notwendige Abwehr von Angriffen [4]“ beispielsweise durch Unterlassungsklagen propagiert. Doch dazu wird vielleicht an anderer Stelle ein wenig mehr zu Lesen sein.
Die „Flensburger Hefte“ erfüllen ihre Funktion, als „liberales“ Feigenblatt der Anthroposophie, also nur bedingt. Jedem kritisch lesenden Menschen werden die zahlreichen Ausfälle gegen die GegnerInnen der Anthroposophie auffallen.
…oder der „sozialistische Seite“.
Am bemerkenswertesten ist das Interview mit Stefan Leber [5], der einige Aussagen formuliert, die sein reaktionäres Gedankengut offenbar machen.
Auf Stefan Leber geht die Idee für das erwähnte Sonderheft der „Flensburger Hefte“ zurück, wie es im Vorwort des Heftes erwähnt wird. Stefan Leber ist Anthroposoph aus Überzeugung und lehrt an einer anthroposophischen Instititution in Stuttgart. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht. Unter anderem setzte er sich mit Karl Marx und Michael Bakunin auseinander. Im Sonderheft wird er Interviewt. Was er da von sich gibt ist schon eine besondere Leistung.
Stefan Leber darf in seinem Interview [6] in anthroposophisch-korrekter Weise jedwede Kritik an Ideologie und Wissenschaftlichkeit seiner Ideale abstreiten. Steiner wird zu einem „Geist von epochaler Dimension, von denen es in der Menschheitsgeschichte nicht allzuviele gab“ hochgelobt. Den GegnerInnen der Anthropsophie wird pauschal unterstellt „Steiner zu diffamieren“. Die dunklen Elemente hinter dieser Kampagne sieht er „mindestens von einer sozialistischen Seite, dem verbliebenenen und verschreckten Rest marxistisch-lennistischer Richtung“. Es war schon immer einfach durch die Diffamierung der „sozialistischen Seite“ als „verbliebenen Rest“ deren legitime Kritik einfach zu übergehen.

Kleiner Rückblick.
Denn in diesem Interview finden sich zahlreiche Beteuerungen was Steiner alles nicht gemacht hätte, auf eine inhaltliche Kritik über die reaktionären Grundagen der Anthroposophie braucht so nicht eingegangen zu werden. Mit Aussagen wie „Kein Nachgebohrener kann einen Autor in seinem Werk korriegieren“ werden rassistische Stereotype, wie sie bei Steiner eben zu finden sind, relativiert.
Den LeserInnen wird klar gemacht das die AnthroposophInnen angeblich 1938 verboten wurden. Was so nicht stimmt, durfte die Waldorfschule in Dresden bis 1941 ihre Pforten geöffnet haben. Diese wurde nach dem Flug des Hitler Stellvertreters Hess geschlossen, der bis dahin seine schützende Hand über die Waldorfschulen und die biologische Landwirtschaft gehalten hatte. Aber auch später lieferte die anthroposophische Firma „Weleda“ kühlende Präperate für die Unterkühlungsversuche in Auschwitz. Diesen vielen mehr als 300 Menschen zum Opfer. Der ehemalige „Weleda“ Gärtner Franz Lippert war Oberaufseher über Gefangene, die bei bestialischen Bedingungen Sklavenarbeiteren in den „biologisch-dynamischen“ Kräutergärten in Auschwitz verrichten durften.
Einzig die Waldorfschulen wurden verboten. Nicht weil sie ein Hort des Wiederstandes waren, sondern weil die Nationalsozialisten keine Konkurenz bei der Erziehung der „deutschen Jugend“ zulassen wollten. Trotz dem kann nicht von einer generellen Verfolgung der Anthroposophen gesprochen werden. Zu offensichtlich sind die zahlreichen Verstrickungen vieler Anthroposophen mit dem Nationalsozialismus.

… a little bit of „Volksgenmeinschaft“.
Der Höhepunkt ist allerdings erreicht, wenn Stefan Leber seinen geistigen Guru Steiner zitiert und dessen Konstruktion einer „Volksgemeinschaft“ verteidigt, weil man diese als etwas begreifen könne „was der Entwicklung unterliegt“. Es komme auf die Herrangehensweise an: Wenn auf „die Gemeinschaft, das Kollektiv“ geschaut würde, könne man „anders werten als gegenüber dem einzelnen“. „Diese Blickrichtung“ würde von Steiner „ergriffen“ worden sein.
Eine „Blickrichtung“ in der die Existenz einer „Volksgemeinschaft“ konstruiert wird und die hervorhebt, dass man in der Beurteilung dieser „Volksgemeinschaft“ vom Individium absehen solle, ist per se reaktionär.


Textauszug

Sie negiert die mannigfaltigen gesellschaftlichen Widersprüche und schweißt alles in eine klebrige, ekelhafte zusammengehörende deutsche Masse, deren Vorgehen dann auch noch anders gewertet werden müsse. Man beachte: Dieses Interview ist keine historische Stellungnahme aus den 30′er Jahren, als sich die Antroposophen mit Bitt- und Bettelbriefen bei „seiner Exzelenz“ Adolf Hitler anbiederten, sondern eine Stellungnahme eines Anthroposophen aus den späten 90′er Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Waldorfschulen und die Anthroposophie in’s Blickfeld einer kritischeren Öffentlichkeit geraten waren.

Abgrenzen und Auschließen…
Kritikern innerhalb der Anthroposophischen Bewegung droht Leber das es „heute keine Erkenntnisgemeinschaft gäbe (…), die nicht immer auch Züge des Abgrenzens und des Abschliessens gegenüber abweichenden Anschauungen gäbe. (…) Das gilt auch für die Anthroposophie.“ Abgrenzen und Ausschließen ist auch heute noch ein Werkzeug um umliebsame Eltern, SchülerInnen oder PädagogInnen das Leben an den Schulen und anderen anthroposophischen Institutionen zu erschweren.
Wer den Anspruch erhebt, für eine freie Form der Bildung zu stehen, die rassistischen und nationalistischen Elemente der Steinerschen Aussagen aber verteidigt oder sogar anwendet und gleichzeitig KritikerInnen (sollte es solche geben) mit Auschluss droht, wird diesem Anspruch sicherlich nicht gerecht.

…für die Anthroposophische Gemeinschaft.
So war und ist die Waldorfschule eine elitäre Institution für besserverdienende – ins esoterische abgerutschte – Deutsche, um den Kindern eine ungestörte Kindheit zu ermöglichen: Frei vom Notendruck – aber nicht frei von ausführlichen Bewertungen. Frei vom Sitzenbleiben – aber nicht Frei vom Zwang die Schule verlassen zu müßen. Frei von herkömmlichem Christentum – fafür voller esoterische Religösität.
Der geschilderte Mix aus Verfolgunswahn vor dem vermeintlichen „Gegner“, Verteidigung der Aussagen Rudolf Steiners, dessen Relativierung und die Warnung an Elemente der ausgemachten anthroposophischen Gemeinschaft, die eventuell Abweichler darstellen könnten ist ein deutliches Beispiel für ein Weltbild, dass nicht auf der Realität beruht. Es ist ganz im Gegenteil ein Beispiel für eine Weltanschauung, die fest im irationalen Glauben an geistige Wesenheiten, diverse Dimensionen, rassistische Vorsatzstückchen, Volksgeistern und nationalistischer Theorie verankert ist. Interviews, wie das mit Stefan Leber, sind keine bedauerlichen Einzelfälle, sondern Teil der anthroposophischen Praxis und solch‘ Praxis hat nichts mit einer fortschrittlichen Pädagogik zu tun.


Cover der Flensburger Hefte

1] Flensburger Hefte Nr. 63 (7/1998), „Feldzug gegen Rudolf Steiner. Über O.T.O.-, Rassismusvorwürfe und Angriffe auf die Waldorfschulen.“
2] Die Grandt-Brüder hatten mit ihrem „Schwarzbuch Anthroposphie“ und dem Nachfolger „Waldorf Connection“ für Aufsehen und einen beachtlichen Medienrummel gesorgt.
3] Flensburger Hefte Nr. 63, Seite 6, Vorwort der Redaktion.
4] Flensburger Hefte Nr. 63, Seite 39 ff., „Notwendige Abwehr von Angriffen“, Interview mit Eva Grothe, von Klaus-Dieter Neumann.
5] Stefan Leber ist nach Angaben der „Flensburger Hefte“ 1937 gebohren. Politologe und Dozent für Waldorfpädagogik an der Freien Hochschule Stuttgart und Mitglied im Vorstand des Bundes Freier Waldorfschulen.
6] Alle Zitate in den folgenden Abschnitten, soweit nicht anders kenntlich gemacht, nach: Flensburger Hefte Nr. 63, “ ‚Aufklärer‘, ‚Enthüller‘ und der Umgang mit der Anthroposophie“, Seite 57, Interview mit Stefan Leber, von Klaus-Dieter Neumann.


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