Steiner und der erste Weltkrieg


„(…) Nie habe ich ihn durch die Kriegsjahre hindurch einen intimen Vortrag halten hören, ohne das er die Gedanken aller Zuhörer auf die draußen Kämpfenden und auf die Gefallenen gerichtet worden wäre. (…) Seine Liebe gehörte der deutschen Weltaufgabe, aber es war eine Liebe der Hoffnung und der Sorge (…).“

Friedrich Rittelmeyer, Mitbegründer der Christengemeinschaft und selbsternannter Weggefährte Rudolf Steiners [1]

„(….) Wenn es sich wirklich um die Existenz der Nation, um die Freiheit handelt, wenn diese nur mit dem Mordeisen verteidigt werden kann, wenn der Krieg eine heilige Volkssache ist ­ dann wird alles selbstverständlich und klar, dann muß alles in Kauf genommen werden. Wer den Zweck will, muß die Mittel wollen. Der Krieg ist ein methodisches, organisiertes, riesenhaftes Morden. Zum systematischen Morden muß aber bei normal veranlagten Menschen erst der entsprechende Rausch erzeugt werden. Dies ist seit jeher die wohlbegründete Methode der Kriegführenden (…).“

Rosa Luxemburg [2]


Antikriegsgrafik John Hearthfields.

Steiners Rolle während des ersten Weltkrieges, ist durch zwei Faktoren geprägt, die Einfluss auf seine rege Vortragstätigkeit haben, die dieser während des ersten Weltkrieges entfaltete. Zum einen vergrößerte sich die Basis seiner Zuhörerschaft beträchtlich, denn Teile des Bürgertums nehmen die Steinersche Anthroposophie als reale Alternative zu anderen reaktionären Ideologien war.
Denn Teile des Bürgertums sahen die drohende militärische Niederlage des Deutschen Reiches und die daraus resultierende Gefahr, die bürgerlich-demokratische Revolution als ersten Schritt einer revolutionären Umgestaltung der Eigentumsverhältnisse durch die ArbeiterInnenbewegung, früher als die Herrschenden bewusst war.
Graf Otto Lerchenfeld, damaliger „Reichsrat der Krone Bayern“, wurde zu einem bedeutender Unterstützer der Anrhroposophie. Solch eine Art der Unterstützung war auch mit einem politischen Mäzentum verbunden, die für die Anthroprosophen bei ihrer Konsolidierung nach dem ersten Weltkrieg, von Bedeutung sein sollte [3].
Im Jahr 1917, erkennt Steiner, so zumindest der Weggefährte Rudolf Steiners Friedrich Rittelmeyer, zum einen die Gefahr einer drohenden Niederlage, die faktisch nicht mehr aufzuhalten war sowie die daraus resultierenden „Gefahren“ für die „Deutsche Nation“. Dies führt zu einer weiteren Positionierung in Fragen, zu denen sich Steiner bisher kaum geäußert hatte. Klar war für ihn, das die kaiserliche Monarchie, in dieser Form nicht zu halten war. Zu sehr hatten sich dessen Representanten für den Krieg ausgesprochen. Klar war aber auch, dass die KommunistInnen, die auch zu dieser Zeit Mehrheiten erreichen wollte [4], sowie eine ganz neue gesellschaftliche Art des Zusammenlebens propagierte [5], in der freie Entwicklung des Individiums, Grundvorraussetzung für die Entwicklung einer Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung sei, keine Alternative für Steiner darstellten. Steiner hat solche Ideen kritisiert. So äußert er sich unter anderem über Lenin und „Trotzkij“. Diese sieht er als „Werkzeug der ahrimanischen Kräfte“ [6]. Friedrich Rittelmeyer, Autor des Buches „Meine Lebensbegnung mit Rudolf Steiner“ [7] äußert sich in einem ähnlichen Kontext. Der Frieden von Bresk Litowsk 1917 wird von Steiner als Katastrophe betrachtet und eine Verschwörung zwecks „Zerstückelung“ Deutschlands sei im Gange.

„Sie sollten sehen wie das auf die Verstorbenen wirkt, auch gerade auf solche die uns nahestehen und die an den Ereignissen selbst mitgewirkt haben. Es ist wie eine Explosion.“


Rudolf Steiner arbeit in der Folgezeit dann einige Thesen aus, die sich mit dem Aufbau der Gesellschaft beschäftigen. Grundvorrausetzung dessen ist die Negation der These, dass Staaten eben spezifische Funktionen als Unterdrückunsinstrument besitzen, hinter der Phrase „(…) dass der Staat um der Menschen wegen da ist (…)“ [8].
Bemerkenswert des weiteren, dass Steiner in typisch-antikommunistischer Rhetorik agiert, wenn er den KommunistInnen unterstellt, das deren Forderungen nach „alleiniger Sozialisierung“ „barbarisch“ und „animalisch“, seien [10].
Dies führt zu seiner „Theorie der Sozialen Dreigliederung“, die – wie der Name schon sagt – davon ausgeht, dass für „Soziale Gerechtigkeit“ die Gesellschaft in klar abgetrennte und strukturierte Bereiche aufgeteilt werden muß.
Diese Theorie fußt im übrigen im plumpen Biologismus, denn Steiner, geht davon aus, dass der Staat wie ein Mensch „gegliedert“ ist:

„(…)Der soziale Organismus ist gegliedert wie der natürliche. Und wie der natürliche Organismus das Denken durch den Kopf und nicht durch die Lunge besorgen muss, so ist dem sozialen Organismus die Gliederung in Systeme notwendig, von denen keines die Aufgabe des anderen übernehmen kann, jedes aber unter Wahrung seiner Selbständigkeit mit den anderen zusammenwirken muss (…) [11]“

Steiner trägt diese Ideen, in der Folge auch in verschiedenen Versammlungen und Zusammenkünften vor. Ein Gerücht dieser Zeit besagte im übrigen, dass Steiner auch mit führenden Vertretern des Heeres zusammengekommen ist. In jedem Fall trat Steiner, unter Mitwirkung des schon erwähnten Otto Graf Lerchenfeld, mit einem Momarandum an die führenden Vertreter aus Militär und Politik heran. Des weiteren entwickelte er die Grundlagen der sog. „Biologisch-Dynamischen Landwirtschaft“. Von 1914 bis 1922 erbaute er in Dornach bei Basel ein Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft, das er eigenhändig entworfen hatte [12].

1) Rittelmeyer: Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner, Urachus Verlag, 1970, Seite 83 ff
2) Rosa Luxemburg, Die Krise der Sozialdemokratie (Junius-Broschüre), u.a. hier
3) „(…)So hat er für den Bau, der zuerst in München errichtetwerden sollte, hohe Beträge gespendet. (…)
Siehe: Rudolf Steiner in München während des Ersten Weltkrieges und bei Kriegsende, Anthroprosophische Gesellschaft in Deutschland, Arbeitszentrum München. Nachzulesen hier
4)

„(…) Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Terrors, sie haßt und verabscheut den Meuchelmord. Sie bedarf dieser Kampfmittel nicht, weil sie nicht Individuen, sondern Institutionen bekämpft, weil sie nicht mit naiven Illusionen in die Arena tritt, deren Enttäuschung sie blutig zu rächen hätte. Sie ist kein verzweifelter Versuch einer Minderheit, die Welt mit Gewalt nach ihrem Ideal zu modern, sondern die Aktion der großen Millionenmasse des Volkes, die berufen ist, die geschichtliche Mission zu erfüllen und die geschichtliche Notwendigkeit in Wirklichkeit umzusetzen. (..)“.

Protokoll des Gründungsparteitags der Kommunistischen Partei Deutschlands 1918 Dietz Verlag, Berlin 1972) oder hier
5)

„(…)Das Wesen der sozialistischen Gesellschaft besteht darin, daß die große arbeitende Masse aufhört, eine regierte Masse zu sein, vielmehr das ganze politische und wirtschaftliche Leben selbst lebt und in bewußter freier Selbstbestimmung lenkt. Von der obersten Spitze des Staates bis zur kleinsten Gemeinde muß deshalb die proletarische Masse die überkommenen Organe der bürgerlichen Klassenherrschaft, die Bundesräte, Parlamente, Gemeinderäte, durch eigene Klassenorgane, die Arbeiter- und Soldatenräte, ersetzen, alle Posten besetzen, alle Funktionen überwachen, alle staatlichen Bedürfnisse an dem eigenen Klasseninteresse und den sozialistischen Aufgaben messen(…).“

Quelle: des Gründungsparteitags der Kommunistischen Partei Deutschlands 1918, Dietz Verlag, Berlin 1972, oder hier
6) Zitiert nach Erdmuth Grosse, Das Wirken der okkulten Logen und die Aufgabe der Mitte zwischen Ost und West, Verlag die Pforte, Basel 1987, Seite 28 ff.
7) Friedrich Rittelmeyer, Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner, Verlag Urachus Stuttgart, 1970
8) Was nottut, Rudolf Steiner, Dreigliederung des sozialen Organismus. Nr. 7. Stuttgart 1919
9) Quelle: ff.]
10) Aus dem Dreigliederungsaufruf von 1919, Rudolf Steiner, zu finden u.a. hier
11) ebd.
12) Wikipedia


1 Antwort auf “Steiner und der erste Weltkrieg”


  1. 1 e.Ott 30. März 2007 um 20:07 Uhr

    Ich bitte um korrekte Quellenangabe um den Kontext von Steiners Zitaten verfolgen zu können.

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